(Die Pamart-Kasematte M1 von Fort de Tavannes)
Prolog - Entwicklung und Aufbau der Pamart-Kasematten
Im Zuge der verhängnisvollen Entwaffnung der Forts Ende 1915
hatte der Festungsplatz Verdun seine primäre Artilleriebewaffnung nahezu
vollständig eingebüßt. Als im Februar 1916 die deutsche Großoffensive losbrach
und General Pétain das Oberkommando übernahm, wurde umgehend die forcierte
Wiederaufrüstung der Forts eingeleitet. Da deren Reaktivierung sofort Deutsches
Artilleriefeuer auf sich zog, mussten Besatzungen und Kommunikationswege
geschützt werden; dies wurde bewerkstelligt, indem man ab Mai 1916 (Fort
Moulainville) Stollen in 10 bis 40 Meter Tiefe unter den Forts anlegte („Traveaux
de 17“). Laut der militärisch-technischen Publikation "Bulletin de
renseignements du génie" No. X von 1919 waren bis 1. November 1918 etwa
31.500 Meter an unterirdischen Stollen, Zugangstunneln und in Betrieb
befindlichen Schächten gegraben worden, zuzüglich 2.700 Metern an
Arbeitsschächten.
Die Umbau- und Reorganisationsarbeiten wurden vom neu
gegründeten Festungsdienst („Service des Forts“) geleitet. Im Rahmen dieser
Arbeiten entwickelte Capitain Pamart, Chef des Service Électrique et des Ateliers
du Service des Forts Génicourt, im September 1916 eine neuartige, gepanzerte
Maschinengewehrkasematte. Diese später nach ihrem Erfinder benannten
Pamart-Kasematten sollten als unterirdisch angebundene, aktive Außenstellungen
der Forts auf deren Glacis den Nahbereich und die Zugänge gegen feindliche
Infanterieangriffe schützen, ohne Artilleriefeuer auf sich zu ziehen.
Die Pamart-Kasematte wurde in zwei Varianten hergestellt,
bei denen sich die ballistische Schutzwirkung und das Schussfeld signifikant
unterschieden:
- Das
Ein-Scharten-Modell: Diese erste Ausführung besaß ein horizontales
Schussfeld von lediglich 70°. Ihr Panzergehäuse wog 2,5 Tonnen und wies an
der Front eine Stärke von 150 mm auf (abfallend auf 60 mm im hinteren
Bereich). Da der enge Richtbereich die Rundumverteidigung stark
limitierte, wurden nur 8 Exemplare dieser Vorserie im Feld installiert und
das Modell frühzeitig aufgegeben.
Ein Update zu den Ein-Scharten-Modellen gibt es hier.
- Das
Zwei-Scharten-Modell (Schwerpunkt): Um die taktische Einschränkung zu
beheben, konstruierte Pamart die finale Version mit zwei separaten
Schießscharten. Jede Scharte deckte eigenständig einen Winkel von 90° ab.
Durch eine geringfügige Überschneidung der Sektoren erzeugte die Kuppel
einen hochwirksamen, kombinierten Seitenrichtbereich von insgesamt 165°.
Die Kuppel ragte nur 80 bis 90 cm über die Erdoberfläche hinaus; ihr
gewölbtes Stahldach begünstigte das wirkungsvolle Abprallen von
Volltreffern. Das Gewicht der Kernpanzerung stieg auf 3,7 Tonnen.
Das Innere der Zwei-Scharten-Kasematte war ein ergonomisch
durchdachter, hochkompakter Kampfraum, dessen Mechanik explizit auf
Dauereinsatz und Gasschutz ausgelegt war:
- Rotierendes
Pivot-System: Zentral im Scheitelpunkt des Daches hing eine schwenkbare
Lafette, auf der zwei Maschinengewehre vertikal übereinander gelagert
waren. Es konnte konstruktionsbedingt immer nur eine Waffe aktiv in eine
Scharte eingeschwenkt werden. Während das obere Maschinengewehr feuerte,
hing die zweite Waffe direkt darunter in einem der beiden angebolzten,
äußeren Vorpanzer. Diese beiden Vorpanzer wogen zusammen zusätzliche 792
kg und erfüllten eine Doppelfunktion: Sie schützten die Schartenöffnungen
nach unten hin und dienten als geschlossenes Gehäuse (Coffre rapporté), in
dem das inaktive Maschinengewehr abkühlen und aufmunitioniert werden
konnte. Durch eine schnelle Drehung des Schützen am Pivot wurden die
Rollen der Waffen im Gefecht getauscht.
Legende:
- Periskop
- Stahlkuppel
- Lafettenaufhängung
- Lafette für das obere MG
- Lafette für das untere MG
- Vorpanzer / Coffre rapporté
- Munitionsnische
- Zugangsschacht
aus dem Stollensystem
- Sicherung
der nicht genutzten Seite: Die gerade nicht genutzte Schießscharte wurde mit
massiven Metallschilden bzw. Verschlussstopfen verriegelt, um den
Kampfraum vor Splitterwirkung und feindlichem Beschuss zu schützen.
- Optik
und Ventilation: Zur Gefechtsfeldbeobachtung besaß das Dach zwei Bohrungen
mit verschraubbaren Verschlüssen, durch die Periskope ausgefahren werden
konnten. Ein manuell betriebener Handventilator saugte permanent reine
Luft aus dem unterirdischen Stollensystem an, um im Kampfraum einen
Überdruck zu erzeugen. Dies hielt die Innenluft atembar und presste die
giftigen Pulvergase über die Schartenöffnungen nach außen.
Die Pamart-Kasematten waren keine isolierten
Feldbefestigungen. Ihre Installation erfolgte über Zugangsschächte von mehr als
10 Metern Tiefe, die direkt an das verästelte, bombensichere Stollensystem (Traveaux
de 17) angebunden waren. Die Schächte waren typischerweise mit Leitern und
mechanischen Lastenaufzügen für den raschen Munitions- und Materialtransport
ausgestattet. Um zu verhindern, dass die Besatzung bei einem schweren
Volltreffer und dem Einsturz der Stollenverbindung lebendig begraben wurde,
verfügten einzelne Kasematten über einen Notausgang zum Glacis.
Der logistische Aufwand, Pamart-Kasematten im zerfurchten
Gelände von Verdun zu errichten, war immens. Der Festungsdienst konnte unter
den chaotischen Bedingungen der Schlammwüsten im Schnitt höchstens zwei Anlagen
pro Monat fertigstellen. Bis zum Waffenstillstand am 1. November 1918 wurden von
47 produzierten Pamart-Kuppeln (gegossen bei Ferry-Capitain in Joinville) laut "Bulletin
de renseignements du génie" No. X insgesamt 34 tatsächlich verbaut, davon 8 Ein-Scharten-Modelle und 26
Zwei-Scharten-Modelle. 8 weitere Kuppeln standen zum Einbau bereit.
Die schutztechnische Bilanz der Pamart-Kasematten ist
bemerkenswert: Keine der dokumentierten Anlagen wurde im Ersten Weltkrieg durch
direkte Artillerietreffer vernichtet; die Kuppeln widerstanden auftreffenden
Kalibern bis zu 220 mm problemlos. Das Konzept überzeugte die Militärführung so
nachhaltig, dass die Geschichte der Pamart-Kuppeln nach 1918 nicht endete:
Nach 1930 wurden 13 verbliebene, eingelagerte Kasematten
reaktiviert und für Modernisierungsarbeiten an der Maginot-Linie herangezogen.
Zwölf Stück wurden fest verbaut und teilweise so modifiziert, dass sie zur
Aufnahme modernerer Waffen geeignet waren.
Die Pamart-Kasematten von Fort de Tavannes
Das im Nordostsektor gelegene Fort de Tavannes nahm während
der Schlacht von Verdun eine kritische Schlüsselrolle ein, da es permanent im
Fokus deutscher Durchbruchsversuche stand und massivstem Artilleriefeuer
ausgesetzt war. Um das Fort gegen direkte Infanterieangriffe zu blockieren,
wurde sein Glacis mit zwei Pamart-Kasematten mit zwei Schießscharten verstärkt,
die heute noch existieren und besucht werden können.
Der Unterrichtsband „La fortification permanente pendant la
guerre de 1914–1918“ der École Militaire et d’Application du Génie aus dem Jahr
1927 enthält einen Plan von Fort de Tavannes mit seinem Stollensystem. Dieser
Plan zeigt zwei weitere projektierte Pamart-Kasematten vor der Spitze des Forts:
(Quelle des unbearbeiteten Plans: Commandant Tournoux, La fortification permanente pendant la guerre de 1914-1918, 1927. Digitalisat: Bibliothèque nationale de France, Gallica, https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k65580980)(Durchgezogene rote Linien stellen fertiggestellte Stollenpartien
dar, gepunktete rote Linien projektierte, aber nicht fertiggestellte
Stollenpartien. Die Nummern stammen von mir und entsprechen den M-Nummern der Anlagen)
Im Bodenrelief lassen sich alle relevanten Positionen des Plans
problemlos verorten:
(Datenquelle: © IGN – Données publiques / Licence Ouverte Etalab)Auch hier entsprechen die Nummern den M-Nummern der Anlagen.
Bemerkenswerterweise wurden alle 5 Anlagen völlig unterschiedlich konzipiert:
1) Pamart-Kasematte M1
Hierbei handelt es sich um die nördlichste der
Pamart-Kasematten. Der Plan lässt sich so interpretieren, dass zuerst der
Zugangsschacht gegraben wurde, auf dem dann die Kasematte errichtet wurde. Ein
Verbindungsstollen von der nördlichen Schulterkaponniere des Forts wurde begonnen,
aber nicht fertiggestellt. Das lässt darauf schließen, dass die Kasematte möglicherweise
über einen heute verschlossenen Notausstieg auf der Süd- oder Südwestseite verfügte,
um sie, solange die Anbindung nicht erfolgt war, im Notfall mit Waffen,
Munition und Bedienpersonal versorgen zu können.
Die Pamart-Kasematte M1 aus Richtung NNO:
Nahaufnahme:
Die beiden Vorpanzer sind gut zu erkennen.
M1 aus Richtung Südwesten:
Die Oberseite der Kuppel. Man erkennt deutlich eine der
verschraubten Periskopöffnungen:
Die folgenden Innenaufnahmen entstanden durch eine der
Scharten vor gut 20 Jahren. Die erste zeigt die Pivotachse mit den beiden
Halterungen für die Maschinengewehre auf der linken Seite; im Hintergrund
erkennt man die Munitionsnische:
Zugang zum Schacht in das Stollensystem. Die Munitionsnische
ist oben rechts zu sehen:
2) Pamart Kasematte M2
Diese Kasematte wurde nicht gebaut. Auf dem Plan von 1927 erkannt
man dennoch einen Zugangsschacht mit einem kurzen, in Richtung SO führenden
Gangstück. Das Bodenrelief zeigt den Schacht deutlich:
(Datenquelle: © IGN – Données publiques / Licence Ouverte Etalab)Man erkennt außerdem einen Graben, der aus östlicher
Richtung an den Schacht heranführt und sich auch vor Ort leicht erkennen lässt:
Der Schacht selbst ist völlig unspektakulär:

3) Pamart Kasematte M3
Der Plan von 1927 zeigt nur den Standort. Im Bodenrelief
lässt sich keine Schachtabteufung feststellen, allerdings eine
charakteristische Materialanhäufung:
(Datenquelle: © IGN – Données publiques / Licence Ouverte Etalab)Vor Ort lässt sich die Stelle leicht finden:
Dass es sich um die Position von M3 handelt, konnten wir mit
GPS verifizieren. Es steht zu vermuten, dass auch hier zuerst ein Schacht
angelegt werden sollte, was aber noch nicht begonnen wurde. Welche Rolle die
Materialanhäufungen spielten, ist völlig unklar:
4) Pamart Kasematte M4
Laut Plan von 1927 ist die südliche Pamart-Kasematte M4
vollständig an das Stollensystem des Forts angebunden; bei Vermessungsarbeiten
im Stollensystem im Jahr 2003 mussten wir allerdings feststellen, dass der Gang
eingestürzt ist.
Das Bodenrelief zeigt zwischen M4 und dem Fort ein auffälliges
Feld schwerer Artillerietreffer, die möglicherweise zu einer strukturellen
Schwächung des Kalksteins in diesem Gebiet führten, was letztlich zum Einsturz
des Gangs führte:
(Datenquelle: © IGN – Données publiques / Licence Ouverte Etalab)Die Pamard-Kasematte M4 unterscheidet sich signifikant von
M1. Wo M1 sehr flach gebaut ist, ragt M4 relativ hoch auf; die Pamart-Kuppel
ist in einen hohen Betonkragen eingebettet:
Die Schussrichtung ist grob Süden:
Außer der ungewöhnlichen Höhe gibt es noch einen weiteren
Unterschied zu M1, eine in Richtung Norden ausgerichtete, umgekehrt T-förmige
Scharte auf der Rückseite zum Abfeuern von Signalgranaten und -raketen, wie man sie auch am
Blockhaus M5 findet:
Hier eine Detailaufnahme:
Was bei M1 bisher nur vermutet werden kann, ist bei M4
definitiv vorhanden: Ein Notausstieg auf der Westseite. Er ist vor dem
Zuschütten mit Wellblech abgedeckt worden, dessen oberer Teil sichtbar ist.
Leider habe ich kein Detailfoto davon, nur diese beiden aus der Entfernung:
Auf dieser seitlichen Nahaufnahme ist der Vorpanzer sehr
schön sichtbar:
Ein interessantes Detail auf der Betonoberfläche ist diese
Kartusche mit Gravur:
In zwei Zeilen kann man „AVD“ und „GG“ erkennen. Ob es sich
dabei um Kürzel militärischer Einheiten handelt, ist unklar. Bei „G“ denkt
man im Zusammenhang mit Bunkerbau natürlich sofort an „Génie“, und „AVD“ könnte
man als „Avant Droit“ (rechtes Vorfeld) interpretieren, aber letztlich ist das
alles Spekulation.
Das Innere von M4 habe ich fotografisch ausführlicher
dokumentiert. Bild 1 zeigt die Pivotachse der MG-Lafetten; die beiden hinteren
MG-Halterungen sind eingeklappt. Im Hintergrund darunter ist wieder die
Munitionsnische erkennbar;
So sieht das andere Ende der Pivotachse mit einer der
vorderen MG-Halterungen aus. Die lose aufliegende Metallleiste gehört nicht
dazu:
Bei M1 hatte ich die Verschraubung der Periskopöffnung von
außen gezeigt – hier sieht man sie bei M4 von innen. Auch ein Teil der
Lafettenaufhängung ist zu erkennen:
Zum Schluss noch die vordere MG-Halterung von vorne, leider
etwas überbelichtet:
Insgesamt macht es den Eindruck, als sei die Pamart-Kasematte M4 eine Zwischenstufe in der Entwicklung der einfachen Pamart-Kasematten wie z.B. M1 zum Blockhaus M5:
5) Blockhaus M5
Dieses charakteristische Maschinengewehr-Blockhaus von Fort
de Tavannes sei hier nur vollständigkeitshalber erwähnt; ich hatte ihm bereits
eine eigene Artikelserie gewidmet.
In diesem Blockhaus kam eine weitere Erfindung von Capitain Pamart
zum Einsatz, die sogenannte gepanzerten Schartenplatte (Trémie cuirassée).
Diese Metallplatte mit einer ca. 10 cm breiten Öffnung wurde direkt in die
Betonwand integriert und besaß abgestufte Außenwände (Gradins), um
Projektile abzufangen, sowie einen integrierten Gasschutz: Die Lafette war mit
einem Gehäusemantel ausgestattet, der das Rohr der Waffe umschloss. Der
Durchgang der Kugeln (Projektile) erzeugte darin einen Luftstrom
(Injektor-Effekt), der gleichzeitig Frischluft zuführte und die giftigen
Brandgase nach außen abführte. Von dieser Vorrichtung ist im Inneren des
Blockhauses leider nichts mehr zu sehen.
Epilog: Die Frage der Bewaffnung
Zum Schluss dieser Abhandlung möchte ich auf eine
Fragestellung eingehen, die mir lange Kopfzerbrechen bereitet hat: Welche
Maschinengewehre kamen in den beiden Pamart-Kasematten von Fort de Tavannes zum
Einsatz?
Diese Frag ist gar nicht so einfach zu beantworten. Die
Quellen sprechen von den Modellen Hotchkiss Mle. 1900 oder St. Étienne Mle.
1907, das galt es zu überprüfen.
Die Mitrailleuse Hotchkiss Mle. 1900 ist ein frühes
französisches Maschinengewehr, das von Benjamin Berkeley Hotchkiss und seinen
Ingenieuren in Saint-Denis bei Paris entwickelt wurde.
Das französische Heer erprobte das Modell um die
Jahrhundertwende. Es beschaffte zunächst rund 600 Exemplare, nach einer häufig
zitierten Darstellung vor allem für den Kolonialdienst.
Das Hotchkiss Mle. 1900 wurde vom französischen Militär im
Ersten Weltkrieg zwar noch verwendet, aber nur in vergleichsweise geringer Zahl
und nicht als reguläres Standard-MG der französischen Infanterie. Seine
Bedeutung lag vor allem darin, dass es die technische Grundlage für das später
in großen Stückzahlen produzierte Modell 1914 bildete, das im Ersten Weltkrieg
zum französischen Standard-Maschinengewehr aufstieg.
Andere Länder fertigten das Modell 1900 in Lizenz und behielten
es teilweise bis zum Zweiten Weltkrieg bei. Hier als Beispiel ein spanisches
Modell, das 1938 von der Fábrica de Armas de La Coruña hergestellt wurde (zu sehen im Castillo de San Carlos in Palma de Mallorca):
Die ersten Maschinengewehre, die statt des Hotchkiss Mle.
1900 als Standard-Maschinengewehre eingeführt wurden, waren die Modelle Puteaux
Mle. 1905 und Saint-Étienne Mle. 1907. Das Puteaux erwies sich allerdings im
Truppendienst schnell als unzuverlässig und wurde deshalb bereits vor dem Krieg
weitgehend durch das bessere Saint-Étienne Mle. 1907 abgelöst, hier ein Exponat im Museo Storico Italiano della Guerra in Rovereto:
Wegen des dringenden Bedarfs an zuverlässigen
Maschinengewehren wurde zu Kriegsbeginn die Hotchkiss-Konstruktion wieder
aufgegriffen und für die Massenproduktion vereinfacht. Das resultierende Mle.
1914 verdrängte zunehmend das Saint-Étienne-MG und wurde schließlich zum schweren
Standard-MG der französischen Armee. Das folgende Exponat befindet sich im Fort d'Uxegney bei Épinal:
Theoretisch wären 1917 also hauptsächlich das Hotchkiss Mle.
1914 oder das St. Ètienne Mle. 1907 für die Bestückung der Pamart-Kasematten in
Frage gekommen. Da in den einschlägigen Quellen aber wie bereits erwähnt auch das
Modell 1900 genannt wird, werde ich es weiterhin in die Betrachtungen
einbeziehen.
Als erstes habe ich mir die Abmessungen der 3 Modelle
angesehen:
Die Gesamtlänge des St. Étienne Mle. 1907 beträgt 118 cm. Das
Hotchkiss Mle. 1900 misst von der Schulterstütze bis zur Laufmündung 139 cm.
Sein Nachfolger, das Mle. 1914, hat annährend die gleiche Länge; dabei sind
aber zwei Unterschiede zu beachten: Der Lauf des Mle. 1900 ist kürzer, dafür
ist die Waffe durch die lange Schulterstütze nach hinten länger. Welche
Relevanz das hat, erkennt man am besten, wenn man alle 3 Modelle im Vergleich
betrachtet:
Ich habe die Maschinengewehre so angeordnet, dass sich die vorderen
Lafettenzapfen, mit denen die Waffen in die Lafette der Pamart-Kasematte
eingehängt werden, auf gleicher Höhe befinden. Man erkennt, dass das Hotchkiss
Mle. 1914 rechts vom Lafettenzapfen sehr viel länger ist als das St. Étienne
und auch deutlich länger als sein Vorgänger Mle. 1900. Für die Verwendung in
einer Pamart-Kasematte hat das folgende Relevanz:
Das St. Étienne passt problemlos hinein:
Auch das Hotchkiss Mle. 1900 passt, wenngleich auch deutlich
knapper:
Das Hotchkiss Mle. 1914 ist zu lang, um in den Koffer des
Vorpanzers zu passen; es fehlen schätzungsweise 10 cm:
Das Hotchkiss Mle. 1914 kommt also für die Bestückung der
Pamart-Kasematten auf keinen Fall in Frage und dürfte auch nicht dafür
vorgesehen gewesen sein.
Es fällt mir auch schwer zu glauben, dass in den beiden
Pamart-Kasematten von Fort de Tavannes Hotchkiss Maschinengewehre Mle. 1900
installiert waren, aber das ist eher ein Bauchgefühl aufgrund des Umstands,
dass nur 600 Stück davon beschafft worden waren. Zum Vergleich: Bis 1917 wurden
41.000 St. Étienne MGs in verschiedenen Ausführungen beschafft und bis
Kriegsende ca. 47.000 Hotchkiss Mle. 1914.
Mein Favorit für die beiden Pamart-Kasematten ist das St.
Étienne Mle. 1907, und das hat auch noch einen anderen Grund. Ende der 1980er
Jahre entdeckten wir im Bereich Fort de Tavannes eine Stelle, wo größere Mengen
Fundmunition gesprengt worden waren. Ob das im Rahmen der Dreharbeiten zum Film
„Verdun, Visions d’Histoire“ von Léon Poirier geschah, in dem Fort de Tavannes
das Fort Vaux verkörperte, oder ob der Kampfmittelräumdienst (Démineurs) die
Munition gesprengt hat, konnten wir nicht herausfinden. Tatsache ist aber, dass
der Sprengort große Mengen beschädigter und fragmentierter französischer
Handgranaten der Modelle CF, F1 und VB enthielt sowie Lebel 8 mm Gewehrmunition
und --- St. Étienne-Ladestreifen! Bevor Fort de Tavannes 2008 / 2009 endgültig
verschlossen wurde, war ich regelmäßig dort unterwegs und habe diese
Ladestreifen auch an anderen Stellen gefunden; Hotchkiss-Ladestreifen waren nie
darunter. Das führt mich zu der Annahme, dass im Fort de Tavannes nur St.
Étienne Maschinengewehre im Einsatz waren.
