Freitag, 30. Oktober 2026

Und gleich ein Nachtrag zu den Pamart Kasematten ...

Eine Anfrage auf Instagram hat mich bewogen, meinen Foto-Fundus auf der Suche nach Ein-Scharten-Pamart-Kasematten zu durchforsten. Die meisten (7 von 8) wurden rund um das Fort Génicourt unweit des kleinen Ortes Dieue-sur-Meuse eingebaut.

Einen davon habe ich im August 2003 fotografiert, leider nur von außen:

Die nahezu senkrechte Scharte hat im Gegensatz zu den späteren Zwei-Scharten-Modellen keine abgestufte Schartenlaibung:

Das horizontale Schussfeld von 70 Grad lässt sich nicht nur aus dem Umstand herleiten, dass die Kasematte nur eine Scharte hat, sondern auch daraus, dass es durch die beideitigen Stahl- und Betonwangen begrenzt wird. 

Auch die Periskopöffnung habe ich damals abgelichtet - ohne Verschraubung:

Hier geht es zum ursprünglichen Beitrag über die Pamart-Kasematten von Fort de Tavannes.

Mittwoch, 28. Oktober 2026

Die Pamart-Kasematten von Fort de Tavannes

(Die Pamart-Kasematte M1 von Fort de Tavannes)

Prolog - Entwicklung und Aufbau der Pamart-Kasematten

Im Zuge der verhängnisvollen Entwaffnung der Forts Ende 1915 hatte der Festungsplatz Verdun seine primäre Artilleriebewaffnung nahezu vollständig eingebüßt. Als im Februar 1916 die deutsche Großoffensive losbrach und General Pétain das Oberkommando übernahm, wurde umgehend die forcierte Wiederaufrüstung der Forts eingeleitet. Da deren Reaktivierung sofort Deutsches Artilleriefeuer auf sich zog, mussten Besatzungen und Kommunikationswege geschützt werden; dies wurde bewerkstelligt, indem man ab Mai 1916 (Fort Moulainville) Stollen in 10 bis 40 Meter Tiefe unter den Forts anlegte („Traveaux de 17“). Laut der militärisch-technischen Publikation "Bulletin de renseignements du génie" No. X von 1919 waren bis 1. November 1918 etwa 31.500 Meter an unterirdischen Stollen, Zugangstunneln und in Betrieb befindlichen Schächten gegraben worden, zuzüglich 2.700 Metern an Arbeitsschächten.

Die Umbau- und Reorganisationsarbeiten wurden vom neu gegründeten Festungsdienst („Service des Forts“) geleitet. Im Rahmen dieser Arbeiten entwickelte Capitain Pamart, Chef des Service Électrique et des Ateliers du Service des Forts Génicourt, im September 1916 eine neuartige, gepanzerte Maschinengewehrkasematte. Diese später nach ihrem Erfinder benannten Pamart-Kasematten sollten als unterirdisch angebundene, aktive Außenstellungen der Forts auf deren Glacis den Nahbereich und die Zugänge gegen feindliche Infanterieangriffe schützen, ohne Artilleriefeuer auf sich zu ziehen.

Die Pamart-Kasematte wurde in zwei Varianten hergestellt, bei denen sich die ballistische Schutzwirkung und das Schussfeld signifikant unterschieden:

  • Das Ein-Scharten-Modell: Diese erste Ausführung besaß ein horizontales Schussfeld von lediglich 70°. Ihr Panzergehäuse wog 2,5 Tonnen und wies an der Front eine Stärke von 150 mm auf (abfallend auf 60 mm im hinteren Bereich). Da der enge Richtbereich die Rundumverteidigung stark limitierte, wurden nur 8 Exemplare dieser Vorserie im Feld installiert und das Modell frühzeitig aufgegeben.
    Ein Update zu den Ein-Scharten-Modellen gibt es hier.
  • Das Zwei-Scharten-Modell (Schwerpunkt): Um die taktische Einschränkung zu beheben, konstruierte Pamart die finale Version mit zwei separaten Schießscharten. Jede Scharte deckte eigenständig einen Winkel von 90° ab. Durch eine geringfügige Überschneidung der Sektoren erzeugte die Kuppel einen hochwirksamen, kombinierten Seitenrichtbereich von insgesamt 165°. Die Kuppel ragte nur 80 bis 90 cm über die Erdoberfläche hinaus; ihr gewölbtes Stahldach begünstigte das wirkungsvolle Abprallen von Volltreffern. Das Gewicht der Kernpanzerung stieg auf 3,7 Tonnen.

Das Innere der Zwei-Scharten-Kasematte war ein ergonomisch durchdachter, hochkompakter Kampfraum, dessen Mechanik explizit auf Dauereinsatz und Gasschutz ausgelegt war:

  • Rotierendes Pivot-System: Zentral im Scheitelpunkt des Daches hing eine schwenkbare Lafette, auf der zwei Maschinengewehre vertikal übereinander gelagert waren. Es konnte konstruktionsbedingt immer nur eine Waffe aktiv in eine Scharte eingeschwenkt werden. Während das obere Maschinengewehr feuerte, hing die zweite Waffe direkt darunter in einem der beiden angebolzten, äußeren Vorpanzer. Diese beiden Vorpanzer wogen zusammen zusätzliche 792 kg und erfüllten eine Doppelfunktion: Sie schützten die Schartenöffnungen nach unten hin und dienten als geschlossenes Gehäuse (Coffre rapporté), in dem das inaktive Maschinengewehr abkühlen und aufmunitioniert werden konnte. Durch eine schnelle Drehung des Schützen am Pivot wurden die Rollen der Waffen im Gefecht getauscht.

Legende:

  1. Periskop
  2. Stahlkuppel
  3. Lafettenaufhängung
  4. Lafette für das obere MG
  5. Lafette für das untere MG
  6. Vorpanzer / Coffre rapporté
  7. Munitionsnische
  8. Zugangsschacht aus dem Stollensystem
  • Sicherung der nicht genutzten Seite: Die gerade nicht genutzte Schießscharte wurde mit massiven Metallschilden bzw. Verschlussstopfen verriegelt, um den Kampfraum vor Splitterwirkung und feindlichem Beschuss zu schützen.
  • Optik und Ventilation: Zur Gefechtsfeldbeobachtung besaß das Dach zwei Bohrungen mit verschraubbaren Verschlüssen, durch die Periskope ausgefahren werden konnten. Ein manuell betriebener Handventilator saugte permanent reine Luft aus dem unterirdischen Stollensystem an, um im Kampfraum einen Überdruck zu erzeugen. Dies hielt die Innenluft atembar und presste die giftigen Pulvergase über die Schartenöffnungen nach außen.

Die Pamart-Kasematten waren keine isolierten Feldbefestigungen. Ihre Installation erfolgte über Zugangsschächte von mehr als 10 Metern Tiefe, die direkt an das verästelte, bombensichere Stollensystem (Traveaux de 17) angebunden waren. Die Schächte waren typischerweise mit Leitern und mechanischen Lastenaufzügen für den raschen Munitions- und Materialtransport ausgestattet. Um zu verhindern, dass die Besatzung bei einem schweren Volltreffer und dem Einsturz der Stollenverbindung lebendig begraben wurde, verfügten einzelne Kasematten über einen Notausgang zum Glacis.

Der logistische Aufwand, Pamart-Kasematten im zerfurchten Gelände von Verdun zu errichten, war immens. Der Festungsdienst konnte unter den chaotischen Bedingungen der Schlammwüsten im Schnitt höchstens zwei Anlagen pro Monat fertigstellen. Bis zum Waffenstillstand am 1. November 1918 wurden von 47 produzierten Pamart-Kuppeln (gegossen bei Ferry-Capitain in Joinville) laut "Bulletin de renseignements du génie" No. X insgesamt 34 tatsächlich verbaut, davon 8 Ein-Scharten-Modelle und 26 Zwei-Scharten-Modelle. 8 weitere Kuppeln standen zum Einbau bereit.

Die schutztechnische Bilanz der Pamart-Kasematten ist bemerkenswert: Keine der dokumentierten Anlagen wurde im Ersten Weltkrieg durch direkte Artillerietreffer vernichtet; die Kuppeln widerstanden auftreffenden Kalibern bis zu 220 mm problemlos. Das Konzept überzeugte die Militärführung so nachhaltig, dass die Geschichte der Pamart-Kuppeln nach 1918 nicht endete:

Nach 1930 wurden 13 verbliebene, eingelagerte Kasematten reaktiviert und für Modernisierungsarbeiten an der Maginot-Linie herangezogen. Zwölf Stück wurden fest verbaut und teilweise so modifiziert, dass sie zur Aufnahme modernerer Waffen geeignet waren.

Die Pamart-Kasematten von Fort de Tavannes

Das im Nordostsektor gelegene Fort de Tavannes nahm während der Schlacht von Verdun eine kritische Schlüsselrolle ein, da es permanent im Fokus deutscher Durchbruchsversuche stand und massivstem Artilleriefeuer ausgesetzt war. Um das Fort gegen direkte Infanterieangriffe zu blockieren, wurde sein Glacis mit zwei Pamart-Kasematten mit zwei Schießscharten verstärkt, die heute noch existieren und besucht werden können.

Der Unterrichtsband „La fortification permanente pendant la guerre de 1914–1918“ der École Militaire et d’Application du Génie aus dem Jahr 1927 enthält einen Plan von Fort de Tavannes mit seinem Stollensystem. Dieser Plan zeigt zwei weitere projektierte Pamart-Kasematten vor der Spitze des Forts:

(Quelle des unbearbeiteten Plans: Commandant Tournoux, La fortification permanente pendant la guerre de 1914-1918, 1927. Digitalisat: Bibliothèque nationale de France, Gallica, https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k65580980)

(Durchgezogene rote Linien stellen fertiggestellte Stollenpartien dar, gepunktete rote Linien projektierte, aber nicht fertiggestellte Stollenpartien. Die Nummern stammen von mir und entsprechen den M-Nummern der Anlagen)

Im Bodenrelief lassen sich alle relevanten Positionen des Plans problemlos verorten:

(Datenquelle: © IGN – Données publiques / Licence Ouverte Etalab)

Auch hier entsprechen die Nummern den M-Nummern der Anlagen. 

Bemerkenswerterweise wurden alle 5 Anlagen völlig unterschiedlich konzipiert:

1) Pamart-Kasematte M1

Hierbei handelt es sich um die nördlichste der Pamart-Kasematten. Der Plan lässt sich so interpretieren, dass zuerst der Zugangsschacht gegraben wurde, auf dem dann die Kasematte errichtet wurde. Ein Verbindungsstollen von der nördlichen Schulterkaponniere des Forts wurde begonnen, aber nicht fertiggestellt. Das lässt darauf schließen, dass die Kasematte möglicherweise über einen heute verschlossenen Notausstieg auf der Süd- oder Südwestseite verfügte, um sie, solange die Anbindung nicht erfolgt war, im Notfall mit Waffen, Munition und Bedienpersonal versorgen zu können.

Die Pamart-Kasematte M1 aus Richtung NNO:

Nahaufnahme:

Die beiden Vorpanzer sind gut zu erkennen.

M1 aus Richtung Südwesten:

Die Oberseite der Kuppel. Man erkennt deutlich eine der verschraubten Periskopöffnungen:

Die folgenden Innenaufnahmen entstanden durch eine der Scharten vor gut 20 Jahren. Die erste zeigt die Pivotachse mit den beiden Halterungen für die Maschinengewehre auf der linken Seite; im Hintergrund erkennt man die Munitionsnische:

Zugang zum Schacht in das Stollensystem. Die Munitionsnische ist oben rechts zu sehen:

2) Pamart Kasematte M2

Diese Kasematte wurde nicht gebaut. Auf dem Plan von 1927 erkannt man dennoch einen Zugangsschacht mit einem kurzen, in Richtung SO führenden Gangstück. Das Bodenrelief zeigt den Schacht deutlich:

(Datenquelle: © IGN – Données publiques / Licence Ouverte Etalab)

Man erkennt außerdem einen Graben, der aus östlicher Richtung an den Schacht heranführt und sich auch vor Ort leicht erkennen lässt:

Der Schacht selbst ist völlig unspektakulär:

3) Pamart Kasematte M3

Der Plan von 1927 zeigt nur den Standort. Im Bodenrelief lässt sich keine Schachtabteufung feststellen, allerdings eine charakteristische Materialanhäufung:

(Datenquelle: © IGN – Données publiques / Licence Ouverte Etalab)

Vor Ort lässt sich die Stelle leicht finden:

Dass es sich um die Position von M3 handelt, konnten wir mit GPS verifizieren. Es steht zu vermuten, dass auch hier zuerst ein Schacht angelegt werden sollte, was aber noch nicht begonnen wurde. Welche Rolle die Materialanhäufungen spielten, ist völlig unklar:


4) Pamart Kasematte M4

Laut Plan von 1927 ist die südliche Pamart-Kasematte M4 vollständig an das Stollensystem des Forts angebunden; bei Vermessungsarbeiten im Stollensystem im Jahr 2003 mussten wir allerdings feststellen, dass der Gang eingestürzt ist.

Das Bodenrelief zeigt zwischen M4 und dem Fort ein auffälliges Feld schwerer Artillerietreffer, die möglicherweise zu einer strukturellen Schwächung des Kalksteins in diesem Gebiet führten, was letztlich zum Einsturz des Gangs führte:

(Datenquelle: © IGN – Données publiques / Licence Ouverte Etalab)

Die Pamard-Kasematte M4 unterscheidet sich signifikant von M1. Wo M1 sehr flach gebaut ist, ragt M4 relativ hoch auf; die Pamart-Kuppel ist in einen hohen Betonkragen eingebettet:

Die Schussrichtung ist grob Süden:

Außer der ungewöhnlichen Höhe gibt es noch einen weiteren Unterschied zu M1, eine in Richtung Norden ausgerichtete, umgekehrt T-förmige Scharte auf der Rückseite zum Abfeuern von Signalgranaten und -raketen, wie man sie auch am Blockhaus M5 findet:

Hier eine Detailaufnahme:

Was bei M1 bisher nur vermutet werden kann, ist bei M4 definitiv vorhanden: Ein Notausstieg auf der Westseite. Er ist vor dem Zuschütten mit Wellblech abgedeckt worden, dessen oberer Teil sichtbar ist. Leider habe ich kein Detailfoto davon, nur diese beiden aus der Entfernung:


Auf dieser seitlichen Nahaufnahme ist der Vorpanzer sehr schön sichtbar:

Ein interessantes Detail auf der Betonoberfläche ist diese Kartusche mit Gravur:

In zwei Zeilen kann man „AVD“ und „GG“ erkennen. Ob es sich dabei um Kürzel militärischer Einheiten handelt, ist unklar. Bei „G“ denkt man im Zusammenhang mit Bunkerbau natürlich sofort an „Génie“, und „AVD“ könnte man als „Avant Droit“ (rechtes Vorfeld) interpretieren, aber letztlich ist das alles Spekulation.

Das Innere von M4 habe ich fotografisch ausführlicher dokumentiert. Bild 1 zeigt die Pivotachse der MG-Lafetten; die beiden hinteren MG-Halterungen sind eingeklappt. Im Hintergrund darunter ist wieder die Munitionsnische erkennbar;

So sieht das andere Ende der Pivotachse mit einer der vorderen MG-Halterungen aus. Die lose aufliegende Metallleiste gehört nicht dazu:

Bei M1 hatte ich die Verschraubung der Periskopöffnung von außen gezeigt – hier sieht man sie bei M4 von innen. Auch ein Teil der Lafettenaufhängung ist zu erkennen:

Zum Schluss noch die vordere MG-Halterung von vorne, leider etwas überbelichtet:

Insgesamt macht es den Eindruck, als sei die Pamart-Kasematte M4 eine Zwischenstufe in der Entwicklung der einfachen Pamart-Kasematten wie z.B. M1 zum Blockhaus M5:

5) Blockhaus M5

Dieses charakteristische Maschinengewehr-Blockhaus von Fort de Tavannes sei hier nur vollständigkeitshalber erwähnt; ich hatte ihm bereits eine eigene Artikelserie gewidmet.

In diesem Blockhaus kam eine weitere Erfindung von Capitain Pamart zum Einsatz, die sogenannte gepanzerten Schartenplatte (Trémie cuirassée). Diese Metallplatte mit einer ca. 10 cm breiten Öffnung wurde direkt in die Betonwand integriert und besaß abgestufte Außenwände (Gradins), um Projektile abzufangen, sowie einen integrierten Gasschutz: Die Lafette war mit einem Gehäusemantel ausgestattet, der das Rohr der Waffe umschloss. Der Durchgang der Kugeln (Projektile) erzeugte darin einen Luftstrom (Injektor-Effekt), der gleichzeitig Frischluft zuführte und die giftigen Brandgase nach außen abführte. Von dieser Vorrichtung ist im Inneren des Blockhauses leider nichts mehr zu sehen.

Epilog: Die Frage der Bewaffnung

Zum Schluss dieser Abhandlung möchte ich auf eine Fragestellung eingehen, die mir lange Kopfzerbrechen bereitet hat: Welche Maschinengewehre kamen in den beiden Pamart-Kasematten von Fort de Tavannes zum Einsatz?

Diese Frag ist gar nicht so einfach zu beantworten. Die Quellen sprechen von den Modellen Hotchkiss Mle. 1900 oder St. Étienne Mle. 1907, das galt es zu überprüfen.

Die Mitrailleuse Hotchkiss Mle. 1900 ist ein frühes französisches Maschinengewehr, das von Benjamin Berkeley Hotchkiss und seinen Ingenieuren in Saint-Denis bei Paris entwickelt wurde.

Das französische Heer erprobte das Modell um die Jahrhundertwende. Es beschaffte zunächst rund 600 Exemplare, nach einer häufig zitierten Darstellung vor allem für den Kolonialdienst.

Das Hotchkiss Mle. 1900 wurde vom französischen Militär im Ersten Weltkrieg zwar noch verwendet, aber nur in vergleichsweise geringer Zahl und nicht als reguläres Standard-MG der französischen Infanterie. Seine Bedeutung lag vor allem darin, dass es die technische Grundlage für das später in großen Stückzahlen produzierte Modell 1914 bildete, das im Ersten Weltkrieg zum französischen Standard-Maschinengewehr aufstieg.

Andere Länder fertigten das Modell 1900 in Lizenz und behielten es teilweise bis zum Zweiten Weltkrieg bei. Hier als Beispiel ein spanisches Modell, das 1938 von der Fábrica de Armas de La Coruña hergestellt wurde (zu sehen im Castillo de San Carlos in Palma de Mallorca):

Die ersten Maschinengewehre, die statt des Hotchkiss Mle. 1900 als Standard-Maschinengewehre eingeführt wurden, waren die Modelle Puteaux Mle. 1905 und Saint-Étienne Mle. 1907. Das Puteaux erwies sich allerdings im Truppendienst schnell als unzuverlässig und wurde deshalb bereits vor dem Krieg weitgehend durch das bessere Saint-Étienne Mle. 1907 abgelöst, hier ein Exponat im Museo Storico Italiano della Guerra in Rovereto:

Wegen des dringenden Bedarfs an zuverlässigen Maschinengewehren wurde zu Kriegsbeginn die Hotchkiss-Konstruktion wieder aufgegriffen und für die Massenproduktion vereinfacht. Das resultierende Mle. 1914 verdrängte zunehmend das Saint-Étienne-MG und wurde schließlich zum schweren Standard-MG der französischen Armee. Das folgende Exponat befindet sich im Fort d'Uxegney bei Épinal:

Theoretisch wären 1917 also hauptsächlich das Hotchkiss Mle. 1914 oder das St. Ètienne Mle. 1907 für die Bestückung der Pamart-Kasematten in Frage gekommen. Da in den einschlägigen Quellen aber wie bereits erwähnt auch das Modell 1900 genannt wird, werde ich es weiterhin in die Betrachtungen einbeziehen.

Als erstes habe ich mir die Abmessungen der 3 Modelle angesehen:

Die Gesamtlänge des St. Étienne Mle. 1907 beträgt 118 cm. Das Hotchkiss Mle. 1900 misst von der Schulterstütze bis zur Laufmündung 139 cm. Sein Nachfolger, das Mle. 1914, hat annährend die gleiche Länge; dabei sind aber zwei Unterschiede zu beachten: Der Lauf des Mle. 1900 ist kürzer, dafür ist die Waffe durch die lange Schulterstütze nach hinten länger. Welche Relevanz das hat, erkennt man am besten, wenn man alle 3 Modelle im Vergleich betrachtet:

Ich habe die Maschinengewehre so angeordnet, dass sich die vorderen Lafettenzapfen, mit denen die Waffen in die Lafette der Pamart-Kasematte eingehängt werden, auf gleicher Höhe befinden. Man erkennt, dass das Hotchkiss Mle. 1914 rechts vom Lafettenzapfen sehr viel länger ist als das St. Étienne und auch deutlich länger als sein Vorgänger Mle. 1900. Für die Verwendung in einer Pamart-Kasematte hat das folgende Relevanz:

Das St. Étienne passt problemlos hinein:

Auch das Hotchkiss Mle. 1900 passt, wenngleich auch deutlich knapper:

Das Hotchkiss Mle. 1914 ist zu lang, um in den Koffer des Vorpanzers zu passen; es fehlen schätzungsweise 10 cm:

Das Hotchkiss Mle. 1914 kommt also für die Bestückung der Pamart-Kasematten auf keinen Fall in Frage und dürfte auch nicht dafür vorgesehen gewesen sein.

Es fällt mir auch schwer zu glauben, dass in den beiden Pamart-Kasematten von Fort de Tavannes Hotchkiss Maschinengewehre Mle. 1900 installiert waren, aber das ist eher ein Bauchgefühl aufgrund des Umstands, dass nur 600 Stück davon beschafft worden waren. Zum Vergleich: Bis 1917 wurden 41.000 St. Étienne MGs in verschiedenen Ausführungen beschafft und bis Kriegsende ca. 47.000 Hotchkiss Mle. 1914.

Mein Favorit für die beiden Pamart-Kasematten ist das St. Étienne Mle. 1907, und das hat auch noch einen anderen Grund. Ende der 1980er Jahre entdeckten wir im Bereich Fort de Tavannes eine Stelle, wo größere Mengen Fundmunition gesprengt worden waren. Ob das im Rahmen der Dreharbeiten zum Film „Verdun, Visions d’Histoire“ von Léon Poirier geschah, in dem Fort de Tavannes das Fort Vaux verkörperte, oder ob der Kampfmittelräumdienst (Démineurs) die Munition gesprengt hat, konnten wir nicht herausfinden. Tatsache ist aber, dass der Sprengort große Mengen beschädigter und fragmentierter französischer Handgranaten der Modelle CF, F1 und VB enthielt sowie Lebel 8 mm Gewehrmunition und --- St. Étienne-Ladestreifen! Bevor Fort de Tavannes 2008 / 2009 endgültig verschlossen wurde, war ich regelmäßig dort unterwegs und habe diese Ladestreifen auch an anderen Stellen gefunden; Hotchkiss-Ladestreifen waren nie darunter. Das führt mich zu der Annahme, dass im Fort de Tavannes nur St. Étienne Maschinengewehre im Einsatz waren.




Sonntag, 25. Oktober 2026

Die Corran Point Battery / Schottland

Um die Rolle der Corran Point Battery zu verstehen, muss man den Gesamtkontext kennen, den ich im Folgenden kurz umreißen möchte. 

Im Jahr 1917 stand die alliierte Schifffahrt unter dem massiven Druck uneingeschränkter deutscher U-Boot-Angriffe. Um diese Bedrohung einzudämmen, vereinbarten die USA und Großbritannien ein militärisches Großprojekt ohnegleichen: die Errichtung der sogenannten Northern Barrage (Nordsee-Minensperre). Dieser gewaltige Minengürtel erstreckte sich über rund 230 Meilen von den Orkney-Inseln bis nach Norwegen und sollte den deutschen U-Booten den Zugang zum Nordatlantik dauerhaft abschneiden. 

(Bildquelle: Wikimedia Commons / Reginald R. Belknap (Gemeinfrei / Public Domain))

Was heute oft in Vergessenheit gerät, ist die entscheidende Rolle, die die schottische Westküste – beispielsweise der Meeresarm Loch Linnhe und die dortigen militärischen Einrichtungen – als logistische Komponente für diese Operation spielte.

Die für die Sperre benötigten hochmodernen amerikanischen Minen des Typs Mark VI wurden nicht fertig montiert geliefert, sondern überquerten den Atlantik in Einzelteilen an Bord spezialisierter Transportschiffe. Auf diese Weise könnte ein Schiff etwa dreimal so viele Minen befördern, wie es bei einer Beladung mit zusammengebauten Einheiten möglich gewesen wäre.

(Bildquelle: Navy Department (Hg.): The Northern Barrage, Washington 1920 (Public Domain))

Um den gefährlichen und von U-Booten belagerten Seeweg um die schottische Ostküste zu vermeiden, wählten die Alliierten zwei geschützte Routen über die Westküste.

Eine dieser Routen lief über die US-Marinebasis Corpach nahe Fort William, die als Entladestation diente. 

Amerikanischen Matrosen entluden dort die Frachter, wie etwa die im Mai 1918 eingetroffenen USS Ozama und USS Lake Superior: 

(Bildquelle: Navy Department (Hg.): The Northern Barrage, Washington 1920 (Public Domain))

Das Hauptquartier und die Unterkünfte der dort stationierten 65 US-Soldaten befanden sich im heutigen Ravenswood House sowie in Zelten auf dem weitläufigen Grundstück des Anwesens. 

Das folgende Foto zeigt die Straßenseite von Ravenswood House; die wunderschöne viktorianische Seeseite des Gebäudes lässt sich leider nur fotografieren, wenn man dort wohnt.

Die Seeseite von Ravenswood House 1918:

(Bildquelle: Navy Department (Hg.): The Northern Barrage, Washington 1920 (Public Domain))

Die Matrosen auf dem obigen Foto sehen in Richtung Ben Nevis:

(Bildquelle: Navy Department (Hg.): The Northern Barrage, Washington 1920 (Public Domain))

Gleiches Motiv, vom benachbarten Ravensdale Court aus aufgenommen:

Corpach auf einer Karte der Britischen Admiralität von 1918:

(Bildquelle: Wikimedia Commons / Great Britain Hydrographic Office (Gemeinfrei / Public Domain))

Der Pfeil markiert die Einmündung des Caledonian Canals, der Kreis den Standort von Ravenswood House. 

Von Corpach aus wurden die Komponenten auf Lastkähne verladen und über den Caledonian Canal transportiert: 

(Bildquelle: Navy Department (Hg.): The Northern Barrage, Washington 1920 (Public Domain))

Verlauf des Caledonian Canals:

(Kartendaten © OpenStreetMap-Mitwirkende (ODbL) / Erstellt mit QGIS)

Einmündung des Caledonian Canals in das Loch Eil:

Blick in Richtung Nordosten:

Der Kanalbetrieb lief rund um die Uhr, wofür eigens zusätzliche Leuchtfeuer installiert wurden. Am nordöstlichen Ende mündet der Kanal bei Inverness in den Moray Firth. Dort war die Glen Albyn Distillery als Minenstützpunkt requiriert und umgebaut worden ("Base 18"), in dem die Minen schließlich endgültig zusammengesetzt und auf die Minenleger verladen wurden. Rund 1.500 Minen pro Woche erreichten Inverness auf diesem Weg. 

Die Glen Albyn Distillery 1918:

(Bildquelle: Navy Department (Hg.): The Northern Barrage, Washington 1920 (Public Domain))

Es sei noch anzumerken, dass der Moray Firth an seiner Einmündung in die offene See ebenfalls durch eine britische Küstenbatterie geschützt wurde, die Chanonry Point Battery (siehe Blogartikel).

Der zweite Transportweg für Minenteile verlief weiter nördlich per Bahn über die Station Kyle of Lochalsh (siehe Blogartikel) zur Basis Invergordon am Cromarty Firth ("Base 17"), wo ebenfalls eine Destillerie, die Dalmore Distillery, zur Montage der Minen umfunktioniert worden war. Der Cromarty Firth wurde an seiner Mündung in die offene See durch die Batterien von North und South Sutor geschützt (siehe Blogbeitrag).

Zurück nach Corpach. Da der tiefe Meeresarm des Loch Linnhe und die Bucht von Corpach plötzlich zu einem strategisch kritischen Ankerplatz für wertvolle amerikanische Munitionstransporter wurden, mussten die Zufahrtswege dringend gegen feindliche Angriffe geschützt werden. Die engste Stelle des Loch Linnhe bildet die Meerenge bei Corran Point (Corran Narrows). Genau an diesem taktischen Kontrollpunkt errichtete die britische Admiralität eine Küstenbatterie, die von Royal Marines bemannt wurde:

(Bildquelle: Wikimedia Commons / Great Britain Hydrographic Office (Gemeinfrei / Public Domain))

Der blaue Pfeil kennzeichnet den Standort der Batterie auf dieser Admiralty Chart von 1918.

Die Aufgabe der Batterie war essenziell: Sie kontrollierte die Passage und schützte die unbewaffneten US-Minenschiffe beim Einlaufen in Richtung Corpach. Die Batterie bestand im Kern aus zwei 15-Pfünder-Geschützen sowie einer 7,5-Zoll-Haubitze. Da es sich um eine hastig errichtete Kriegsanlage handelte, verzichtete man auf massive Befestigungsmauern oder Erdwälle. Die Geschütze wurden stattdessen direkt auf einfachen Fundamentplatten aus Beton verankert, während die Munition in kleinen Holzkisten gelagert wurde. Zur Überwachung der Meerenge bei Dunkelheit verfügte die Stellung über zwei Suchscheinwerfer, die auf einer Hangterrasse unterhalb der 15-Pfünder neben einer kleinen Holzhütte aufgestellt waren.

Blick auf die Batterie von Südwesten im Jahr 1918:

(© IWM (Q 23047) (Lizenziert unter der IWM Non-Commercial Licence))

Wer heute die Halbinsel Ardgour besucht, steht vor der Herausforderung, die weitgehend verschwundenen Spuren dieser Batterie zu entdecken. Bei meinem Besuch im Frühsommer 2026 waren weite Teile des ehemaligen Batterieareals hinter Baustellen-Schutzwänden verborgen, hier links im Bild zu sehen:

Dennoch lässt sich die Anlage durch Abgleich mit den historischen Aufnahmen aus der Sammlung des Imperial War Museums im Gelände verorten. Als markante Orientierungspunkte dienen dabei der schon damals existierende Leuchtturm sowie seither unveränderte Landschaftsmerkmale.

Hauptorientierungspunkt ist das Ardgour War Memorial, ein keltisches Steinkreuz zum Gedenken an die Opfer des Krieges:

Dieses Denkmal steht exakt auf der ehemaligen Betonplattform des ersten 15-Pfünder-Geschützes. Am Fuße des Denkmals ist der eiserne Verankerungsring (Holdfast) mitsamt den originalen Bolzen, auf denen einst das Geschütz montiert war, deutlich sichtbar im Beton erhalten:




Die Stellung des zweiten 15-Pfünders liegt glücklicherweise ebenfalls frei und lässt sich im Gelände identifizieren, obwohl keine Betonplatte oder Bolzenkreis mehr existieren. Hier zunächst das Foto beider Geschütze aus der Sammlung des Imperial War Museums:

(© IWM (Q 23045) (Lizenziert unter der IWM Non-Commercial Licence))

Legt man einen Ausschnitt dieses Fotos über ein aktuelles Foto, ergibt sich die Position des zweiten Geschützes:

Auf dem nächsten Foto ist die Position des zweiten Geschützes durch einen roten Kreis markiert. Ich habe das Areal mit Bodensonde und Metalldetektor untersucht; die Betonplatte samt Bolzenkreis ist nicht mehr vorhanden.

Mehr zu den 15-Pfünder Geschützen in meinem Blogbeitrag über die militärischen Einrichtungen auf dem Canonry Ness.

Auf der gegenüberliegenden Straßenseite ist die Position der damaligen 7,5-Zoll ( = 19cm) -Haubitze leider einem Parkplatz gewichen. Hier zuerst historische Aufnahmen aus der Sammlung des Imperial War Museums:

(© IWM (Q 23083) (Lizenziert unter der IWM Non-Commercial Licence))

(© IWM (Q 23082) (Lizenziert unter der IWM Non-Commercial Licence))

Die Stelle sieht heute so aus:

Zur Positionsbestimmung der Haubitze hilft wieder eine Fotomontage, da der Leuchtturm auf dem zweiten historischen Foto heute noch existiert:

Der rote Kreis markiert die Position; ob sich unter der Erdaufschüttung vielleicht noch Reste der Verankerung befinden, habe ich nicht überprüft:

Noch ein paar Worte zu diesem Haubitzenmodell.

(© IWM (Q 20555) (Lizenziert unter der IWM Non-Commercial Licence))

Die genaue Bezeichnung war "BL 7.5-inch naval howitzer", eine Anti-U-Boot-Waffe, die 1917 als Reaktion auf den uneingeschränkten U-Boot-Krieg Deutschlands entwickelt wurde. Eigentlich war sie für die Verwendung auf Schiffen vorgesehen; mir ist keine zweite Küstenbatterie bekannt, in der sie eingesetzt wurde.

Die Haubitze, ein Steilfeuergeschütz, feuerte eine sehr spezielle Granate ab, eine Mischung aus panzerbrechender Granate und Wasserbombe. Sie sollte die Außenhülle des U-Boots durchdringen, ohne zu detonieren, und erst nach zweisekündiger Verzögerung an der Innenhülle detonieren.

Der Einsatz dieser Waffe in der Corran Point Battery erklärt sich nur, wenn man folgendes strategisches Konzept annimmt: Die Fahrrinne der Corran Narrows, der Engstelle unmittelbar vor Corran Point, war an der flachsten Stelle nur 11 Faden = ca. 20 Meter tief und äußerst schmal. Ein getauchtes U-Boot im Ersten Weltkrieg steuerte quasi blind und rein nach Kompass und Zeit. In einem so engen, von Untiefen flankierten Kanal zu manövrieren, wäre einem kolossalen Selbstmordkommando gleichgekommen; das U-Boot hätte die Engstelle also aufgetaucht passieren müssen. In diesem Fall wäre es von den Suchscheinwerfern erfasst und von den beiden 15-Pfünder Geschützen beschossen worden. 
Südlich der Corran Narrows fällt die Fahrrinne schnell auf 15 Faden (knapp 30 Meter) ab. Wenn ein deutsches U-Boot im Schutz der Dunkelheit dort aufgetaucht wäre, um die Narrows zu passieren und plötzlich von den Suchscheinwerfern der Royal Marines erfasst worden wäre, wäre die sofortige Defensivmaßnahme ein Notauftauchen oder ein Alarmtauchen gewesen. Die 7,5-Zoll-Haubitze war exakt dafür konzipiert, ein U-Boot unmittelbar nach einem solchen Abtauchen zu bekämpfen. Das zweite oben gezeigte Foto aus der Sammlung des Imperial War Museums zeigt exakt die Schussrichtung zu dieser Stelle.

Zu den Suchscheinwerfern:

Die einstige betonierte Hangterrasse für die Suchscheinwerfer samt Hütte ist mittlerweile vollständig unter Erdreich und dichter Vegetation verschwunden, lässt sich aber anhand der Topographie noch immer erahnen. Zunächst die historischen Fotos aus der Sammlung des Imperial War Museums:

(© IWM (Q 23046) (Lizenziert unter der IWM Non-Commercial Licence))

(© IWM (Q 23080) (Lizenziert unter der IWM Non-Commercial Licence))

Kleiner Hinweis: Es handelt sich nicht um elektrische, sondern um Acetylen-Scheinwerfer. Die Acetylenflaschen sind neben der seitlichen Hüttenwand zu sehen; die Hütte ist als Generatorengebäude für zwei Scheinwerfer außerdem viel zu klein.

Heute sieht es dort so aus:

Die potenzielle Terrasse ist fast mehr zu erahnen als zu erkennen. Entsprechend ist die Fotomontage in einem gewissen Maß spekulativ:

Direkt unterhalb der 15-Pfünder-Positionen sieht es so aus (man beachte das Denkmal):

Vollständigkeitshalber hier noch die restlichen historischen Fotos des Imperial War Museums. Sie zeigen die Batteriebesatzung mit und ohne Gasmasken vor einem der beiden 15-Pfünder Geschütze:

(© IWM (Q 23078) (Lizenziert unter der IWM Non-Commercial Licence))

(© IWM (Q 23084) (Lizenziert unter der IWM Non-Commercial Licence))

Historische Fotografien aus der Dienstzeit der Batterie, kombiniert mit aktuellen Aufnahmen der heutigen Situation vor Ort, verdeutlichen auf eindrucksvolle Weise, wie radikal sich dieser einstige militärische Hotspot wieder in eine beschauliche schottische Landschaft zurückverwandelt hat.

Zur abschließenden Orientierung ein Luftbild der Batterie mit ihren einzelnen Elementen:

(© 2026 Airbus, Maxar, Kartendaten © 2026 Google)

Legende:

  1. Ardgour Memorial = Position des rechten 15-Pfünder Geschützes
  2. Position des linken 15-Pfünder Geschützes
  3. Position der Anti-U-Boot Haubitze
  4. Suchscheinwerfer
  5. Corran Point Lighthouse
  6. Baustellen-Sichtschutz

Epilog: 

Insgesamt wurden über 70.000 Minen in der Nordsee verlegt. Deutsche Großkampfschiffe wurden durch diese Sperre nicht versenkt oder beschädigt. Bei den U-Booten sah die Bilanz ein wenig anders aus: Die offiziellen alliierten Statistiken vom März 1919 schrieben der Minensperre die sichere Zerstörung von 4 U-Booten und die wahrscheinliche Zerstörung von 2 bis 4 weiteren U-Booten zu. Zu den definitiv bestätigten Opfern gehört beispielsweise U-156, das am 25. September 1918 auf dem Rückweg nach Deutschland in der Sperre auf eine Mine lief und sank. Das ist keine üppige Ausbeute; der eigentliche militärische Erfolg der Northern Barrage lag daher weniger in der reinen Anzahl zerstörter Schiffe und U-Boote, sondern vielmehr in ihrer psychologischen Abschreckungsfunktion.

Nach dem Waffenstillstand standen die Alliierten vor der gigantischen Aufgabe, die Minensperre wieder zu beseitigen. Entsprechende Berichte der US Navy beschreiben die enormen Anstrengungen der Minensuchflotte unter Konteradmiral Joseph Strauss.

Das Räumen erwies sich als extrem tückisch: Die amerikanischen Mark-VI-Minen besaßen eine lange Kupferantenne, die bei der bloßen Berührung mit dem Stahlrumpf eines herkömmlichen Schiffes die Detonation auslöste. Erst durch eine technische Innovation – bei der der Rumpf der neuen Lapwing-Minensuchboote elektrisch negativ geladen wurde, um das Potenzial auszugleichen – konnte die Mission überhaupt durchgeführt werden.

Obwohl Admiral Strauss die Räumung am 30. September 1919 offiziell für beendet erklärte, enthüllten spätere historische Analysen eine ernüchternde Bilanz: Tatsächlich wurden nur etwa 40 Prozent der amerikanischen Minen physisch durch die Minensucher geräumt. Der verbleibende Großteil der Minen war entweder bereits während des Krieges vorzeitig detoniert, hatte sich von den Verankerungen gelöst oder war schlicht auf den Meeresgrund gesunken. Die nicht geborgenen Minen blieben über Jahre hinweg eine unsichtbare Gefahr. Noch in den 1920er Jahren versenkten sie so manches Handelsschiff in der Nordsee. Viele von ihnen trieben in den folgenden Jahren an weit entfernte Küsten. Im September 2019 - 100 Jahre nach Ende der Räumung! - wurde in den Marschen bei Thornham an der Nordküste der Grafschaft Norfolk in England ein Exemplar gefunden und kontrolliert gesprengt.