Donnerstag, 30. Juli 2026

Die Panzerbatterie für zwei Drehtürme 155 C 08 des Forts de Longchamp, Épinal

In 43 Jahren Festungsforschung hat sich naturgemäß sehr viel Material angesammelt, das einer Auswertung und ggf. Veröffentlichung bedarf. So bin ich unlängst auf die Unterlagen einer Exkursion gestoßen, die wir im September 2015 im Raum Épinal durchgeführt haben. Ich kann mich noch gut erinnern, wie schwierig die Vorbereitung zu dieser Exkursion war: Es hatte sich recht schnell herausgestellt, dass die meisten Festungsanlagen des verschanzten Lagers („camp retranché“) Épinal aus den verschiedensten Gründen unzugänglich waren. Hier die Übersicht, die ich damals erarbeitet hatte:

Geführte Besichtigungen finde ich immer etwas problematisch. Man bekommt selten wirklich alles zu sehen, die Aufenthaltsdauer im Objekt ist begrenzt, genaue Untersuchungen sind in der Regel nicht möglich. Wir begnügten uns daher auch in Épinal mit nur einer Führung (Fort d‘Uxegney) und nahmen uns ansonsten einige Kleinanlagen vor; über den Tunnel von Thiéha hatte ich bereits berichtet.

Ein interessantes Objekt war die Panzerbatterie von Fort de Longchamp mit zwei Drehtürmen 155 C („court“ = kurz) Modell 1908. Das Fort selbst war schon damals zum Schutz der Fledermäuse verschlossen, aber die Batterie war frei zugänglich.

Bevor ich auf die Panzerbatterie eingehe, ein paar Worte zum Fort de Longchamp selbst.

Es handelt sich um das nördlichste Fort des festen Platzes Épinal, das zusammen mit dem benachbarten Fort de Dogneville den gesamten nordöstlichen Sektor absichern konnte.

Erbaut wurde es zwischen 1876 und 1878 als klassisches Séré-de-Rivières-Fort „au massif central“, d.h. mit einem zentralen Block von tief eingegrabenen, geschützten Unterkünften (Kasematten), Pulverlagern und Logistikräumen. Die Geschütze waren auf offenen Plattformen entlang einer umlaufenden Wallgasse („Rue du rempart“) positioniert.

Die erste Modernisierung fand bereits 1879/80 statt; es wurde ein Mougin-Turm Modell 1876 installiert.

Nach der Brisanzmunitionskrise fanden weitere Modernisierungsarbeiten statt, beispielsweise wurden Teile des Forts betoniert und an das 60cm-Feldbahnnetz angeschlossen. Zwischen 1908 und 1910 wurde in der Spitze des Forts ein Versenkturm Modell 1905 mit zwei Schnellfeuergeschützen 75mm eingebaut („Tourelle de 75 R 05“). Zwei Maschinengewehr-Türme folgten.

Zwischen 1910 und 1912 wurde eine Panzerbatterie mit einem Versenkturm Modell 1907 für zwei verkürzte 155mm Geschütze („Tourelle Galopin de 155 R 07“) östlich des Forts errichtet und über einen Hohlgang an das Fort angebunden. Ihr folgte eine weitere externe Panzerbatterie für zwei Drehtürme (nicht versenkbar!) Modell 1908 mit je einem kurzen 155mm Geschütz („Tourelles tournantes de 155 C 08“) südöstlich des Forts, ebenfalls über einen Hohlgang mit dem Fort verbunden.

Im Bodenrelief sind die Artillerie-Panzertürme gut erkennbar:

Legende:

  1. Panzerbatterie für zwei Drehtürme 155 C 08
  2. Panzerbeobachter West für Batterie (1)
  3. Panzerbeobachter der östlichen Bourges-Kasematte für Batterie (5)
  4. Panzerbeobachter West für Batterie (1)
  5. Panzerbatterie für einen Galopin Turm 155R 07 mit Panzerbeobachter
  6. Mougin Turm Modell 1876
  7. Panzerturm 75R 05

Übertragen auf das Luftbild sieht das so aus:

Das Baden-Württembergische Landesarchiv hat zwei Luftaufnahmen des Forts aus dem Jahr 1915, auf denen ich die Position der südöstlichen Panzerbatterie mit einem Pfeil kenntlich gemacht habe:

Titel: Foto des Forts de Longchamp nordöstlich von Epinal (Luftbild)
Aufnahme der Bayer. Feldfliegerabteilung 8 vom 28.04.1915
Im Bestand des Landesarchivs Baden-Württemberg (Generallandesarchiv Karlsruhe 456 F 3 Nr. 636 Foto 37, Bild 1)
Rechtehinweis: Creative Commons Lizenz CC BY 4.0 (https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/deed.de)
Vorgenommene Änderungen: Bildausschnitt und Pfeilmarkierung

Titel: Foto des Forts de Longchamp nordöstlich von Epinal (Luftbild)
Aufnahme der Bayer. Feldfliegerabteilung 8 vom 28.04.1915
Im Bestand des Landesarchivs Baden-Württemberg (Generallandesarchiv Karlsruhe 456 F 3 Nr. 636 Foto 46, Bild 1)
Rechtehinweis: Creative Commons Lizenz CC BY 4.0 (https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/deed.de)
Vorgenommene Änderungen: Gedrehter Bildausschnitt und Pfeilmarkierung

Im 1. Weltkrieg wurde das Fort zunächst entwaffnet, da Geschütze und Munition an der Front dringender benötigt wurden. In den Magazinen wurde jedoch genügend Schwarzpulver zurückbehalten, um das Fort bei Feindannäherung sprengen zu können.

1917 wurde das Fort wieder ertüchtigt; unter anderem erhielten Maschinengewehr- und Geschütztürme einschließlich der Anschlussbatterien wieder Geschütze und Munition. Das Fort war jedoch bis Kriegsende in keine Kampfhandlungen involviert.

Sein erster Einsatz erfolgte erst im 2. Weltkrieg: 1940 feuerte es einige hundert Granaten ab. Ab 1943 baute die Organisation Todt die Panzerteile aus, konnte jedoch nicht alle abtransportieren.

Deutsche Soldaten auf der festen Brücke von Fort de Longchamp

Die 4 Teile einer der beiden Turmkuppeln blieben vor Ort; sie wurden einige Jahre vor unserem Besuch geborgen und im Fort Villey-le-Sec montiert. Eine entsprechende Panzerbatterie war dort zwar gebaut, aber im Gegensatz zu Longchamp zu Kriegsbeginn nicht mehr rechtzeitig fertiggestellt worden. Die Panzerteile dort zu installieren ist also eine historische Ungenauigkeit.

Nun zur südöstlichen Anschlussbatterie von Fort de Longchamp mit den beiden 155mm Drehtürmen.

Wie bereits erwähnt war Fort de Longchamp zu Beginn des 1. Weltkriegs das einzige Fort, in dem dieser Drehturm-Typ feuerbereit installiert war. Die beiden Türme waren 1909 bei Schneider et Compagnie (Werk Le Creusot) in Auftrag gegeben worden. Der südöstliche Turm war im April 1914 feuerbereit, der nordwestliche im September 1915.

Das macht diese Batterie zu einer Besonderheit, und es ist sehr schade, dass beide Türme nicht mehr existieren.

Ihr Feuer wurde per Telefonverbindung von zwei isolierten, gepanzerten Beobachtungsposten an den Enden jeder Nebenbatterie der Festung sowie von einem betonierten Beobachtungsposten in der Kasematte „Bourges Est“ aus geleitet (siehe Bodenrelief und Luftbild weiter oben).

Jeder Turm war wie folgt aufgebaut:


Die Panzerung bestand aus der Turmkuppel aus 30cm dickem Walzstahl (1) und dem Vorpanzer aus 40cm dickem Gussstahl (2).

Der Turmkörper war in einen Geschützbrunnen eingelassen und ruhte am Grund mit einem Zentrierzapfen in einem Drehlager (untere Führung) (10). Die obere Führung war in Gestalt einer kreisförmigen Schiene in den Beton der Batterie eingelassen (3).

Der Turm war in 3 Ebenen unterteilt:

Kampfraum (obere Ebene). Hier war das kurze 155mm Geschütz Modell 1908 (Reichweite 6,8km) (4) auf einer Lafette (5) montiert, die im Wesentlichen der des Galopin-Turms Typ 155 R 07 entsprach. Die Besatzung dieser Ebene bestand aus 4 Mann.

Mittlere Ebene. Hier befanden sich die Bedienelemente für die Höhen- und Seitenrichteinstellung (7). Außerdem lagerte hier die Munition (Geschosse und Ladungsbeutel) (8), die über einen handgetriebenen Munitionsaufzug hochtransportiert wurde. Die Besatzung dieser Ebene bestand aus 7 Mann.

Untere Ebene. Hier befanden sich die Bedienelemente zur manuellen Schnellausrichtung des Turms (eine volle Turmumdrehung war in anderthalb Minuten möglich) (9), der handkurbelgetriebene Lüftungsventilator (11) sowie die Beschickungsebene des Munitionsaufzugs (12). Die Besatzung dieser Ebene bestand aus 5 Mann.

Im hohlen Zentralzylinder (6) des Turms lief das Rohrausgleichsgewicht. Zentral verlief ein Hülsenauswurfrohr nach unten; es diente gleichzeitig auch zur Belüftung und wurde vom Lüftungsventilator gespeist. In der unteren Turmebene endete es in einem feuerfesten Sack, in dem die heißen Messinghülsen gesammelt wurden. Nach dem Abkühlen wurden sie in einem dezidierten Laborierraum mit neuen Treibladungssäcken gefüllt.

Da Fort de Longchamp ab 1915 eine Kraftstation mit drei ASTER-Generatoren hatte, war eine Elektrifizierung der Türme (Turmantrieb, Lüftung, Munitionsaufzug, Beleuchtung) geplant, wurde jedoch nicht mehr umgesetzt.

Insgesamt stellt sich die Panzerbatterie folgendermaßen dar:

Legende:

  1. Nahverteidigungsscharten des Eingangsbereichs
  2. Unterkünfte der Infanteristen (45 Schlafplätze, 40 Sitzplätze)
  3. Latrinen
  4.  Treppen ins Untergeschoss
  5. Panzerdrehtürme und Geschosslager (2000 Schuss pro Geschütz)
  6. Unterkünfte der Artilleristen
  7. Wasserreservoir
  8. Latrinengrube
  9. Nischen zur Lagerung von Zündern und Sprengkapseln
  10. Zünderlabor
  11. Treibladungslager
  12. Zimmer des Batteriekommandanten
  13. Telegrafenraum
  14. Laborierraum für Treibladungen

Vollständigkeitshalber habe ich in der nächsten Darstellung beide Ebenen übereinander projiziert:

Im Bodenrelief ist die Panzerbatterie sehr schön zu erkennen:


 Den eindrucksvollen Eingangsbereich mit all seinen Nahverteidigungsscharten in seiner Gesamtheit zu fotografieren machte im September 2015 die üppige Vegetation unmöglich. Die folgenden 4 Fotos zeigen ihn von Nordwest nach Südost:





Einer der Unterkunftsräume für die Infanteristen:

Der Verbindungsgang im Obergeschoss in Richtung Nordwesten:

Hier der gleiche Gang in Richtung Südosten. Auf dem Sockel war der Ventilator für die Latrinen:

Latrine:

Südöstliche Treppe ins Untergeschoss:

Hier in Gegenrichtung:

Blick im Untergeschoss in Richtung des südöstlichen Geschützbrunnens:

Im südöstlichen Geschützbrunnen; am rechten Bildrand erkennt man die Befestigung der Treppe ins Zwischengeschoss:

Was heute die Oberkante des Geschützbrunnens bildet, ist in Wirklichkeit nur die Oberkante des Zwischengeschosses. Ursprünglich saß darüber noch der Vorpanzer. Im Bild die Entnahmeöffnung des Munitionsaufzugs, links und rechts die Reste der Munitionsnischen:

Ein noch zu identifizierendes Detail des Zwischengeschosses, möglicherweise ein Teil der Seitenrichteinstellung:

Eine weitere Munitionsnische:

Ein Teil der Blechschürze der Turmkuppel:

Ein ebenfalls noch zu identifizierendes Detail; möglicherweise verlief in der Aussparung die Welle für die Seitenrichteinstellung bzw. den Turmantrieb:

Zünderlabor:

Treibladungslager für den Südostturm (Die Beleuchtung wurde von einem kleinen Gang aus bewerkstelligt, der vom Hauptgang abzweigt):

Verbindungsgang zwischen den Türmen im Untergeschoss (Blickrichtung zum südöstlichen Turm)

Blickrichtung zum Nordwestturm. Da hinter diesem Turm der Verbindungsgang zum Fort anfängt, hat man den Zugang vergittert:

Eine bessere Nahaufnahme des nordwestlichen Geschützbrunnens durch das Gitter hindurch gab die Kamera leider nicht her:

Isolatoren für Fernsprech- oder Telegrafenkabel unweit des nordwestlichen Geschützbrunnens:

Mein Fazit für diese Anlage (wie auch für viele andere): Könnte man was draus machen! Die Batterie wurde zwar beider Drehtürme beraubt, ist aber ansonsten in einem hervorragenden Zustand und es erschließen sich auch ohne Türme viele Details. Überspitzt gesagt: Mit einem Besen und ein paar Eimern Farbe könnte man sie leicht herrichten und einer musealen Nutzung zuführen. Schade, dass die Reste der Turmkuppel nicht mehr vor Ort sind.

Samstag, 13. Juni 2026

Aus aktuellem Anlass

In Frankreich muss man mittlerweile höllisch aufpassen, wenn man alte Forts besuchen will. Gerade geht ein recht spektakulärer Fall durch die sozialen Netzwerke: Das französische Urbex-Duo „Gabi et Coco“ wurde, nachdem sie solche Objekte jahrelang erkundet hatten, offiziell von der französischen Armee angezeigt. Der Tatbestand lautete „Introduction frauduleuse sur un terrain affecté à l'autorité militaire“ (Unbefugtes Eindringen in militärisches Gelände).

Die Armee hat dazu Videos ausgewertet, die die beiden auf Youtube hochgeladen hatten, um ihre Identität zu festzustellen. Es folgten polizeiliche Vorladungen, Hausdurchsuchungen, Beschlagnahmungen der Kamera- und Drohnenausrüstung sowie eine Verurteilung vor Gericht.

Das zugrundliegende Gesetz ist Artikel 413-5 des französischen Strafgesetzbuchs (Code pénal): „Le fait, sans autorisation des autorités compétentes, de s'introduire frauduleusement sur un terrain, dans un port, dans une construction ou dans un engin ou appareil quelconque affecté à l'autorité militaire ou placé sous son contrôle est puni d'un an d'emprisonnement et de 15 000 euros d'amende.“ (Wer sich ohne Genehmigung der zuständigen Behörden unbefugt Zugang zu einem Gelände, einem Hafen, einem Gebäude oder einem Fahrzeug oder Gerät verschafft, das der Militärbehörde untersteht oder unter deren Kontrolle steht, wird mit einem Jahr Freiheitsstrafe und einer Geldstrafe von 15.000 Euro bestraft.)

Die Debatte um Urbex wird in Frankreich mittlerweile - zurecht - auf politischer Ebene geführt: Der Senat hat sich offiziell mit den negativen Folgen des Urbex-Booms befasst. Da viele Séré-de-Rivières-Forts und Bunkeranlagen theoretisch noch immer strategischen Wert besitzen (z. B. als geschützte Kommunikationsknotenpunkte, geheime Lager oder Munitionsdepots), stuft der Staat das Betreten nicht als "Dumme-Jungen-Streich", sondern als Gefährdung der nationalen Sicherheit ein.

Die Franzosen sind da mittlerweile absolut gnadenlos; Schilder wie das hier gezeigte sollten also unbedingt ernst genommen werden!

Dienstag, 2. Juni 2026

Die Ballast Hill Gun in North Shields

Bei meinen Recherchen zu den Verteidigungseinrichtungen rund um den Tyne in Northumberland stieß ich auf ein zunächst merkwürdiges Geschütz aus der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts, die Ballast Hill Gun.

Der Ballast Hill lag unmittelbar nördlich der Royal Quays Marina in North Shields, also ungefähr 1,6km südwestlich von Cliffords Fort. Warum sollte man so weit flussaufwärts ein einzelnes Geschütz positionieren?

Zuerst galt es zu klären, was es mit dem ungewöhnlichen Namen „Ballast Hill“ auf sich hat, der sich heute noch im Straßennamen „Ballast Hill Road“ wiederfindet.

Dazu muss man wissen, dass der Tyne im 19. Jahrhundert ein äußerst geschäftiger Fluss war. Am Tyne wurden Schiffe und Waffen gebaut, und von dort aus wurde die Kohle des Durham and Northumberland Coalfields („Great Northern Coalfield“) verschifft. Es herrschte also reger Schiffsverkehr.

Die Kohleschiffe kamen leer in den Tyne gefahren, um dort beladen zu werden. Um die Stabilität eines leeren Schiffs auf See zu gewährleisten und ein Kentern zu verhindern, war es nötig, den Schwerpunkt tiefer zu legen. Man bewerkstelligte das durch sogenannten Ballast; der Begriff stammt aus dem späten 15 Jahrhundert.

Als Ballast genutzte Materialien waren zum Beispiel Sand, Kies, Steine, Kalk, Abrisstrümmer, aber auch Industrieabfälle wie Ziegel, Schlacke oder Dachschindeln. Diese Materialien wurden tief unten in den Schiffsbauch geladen.

Wollte man das Schiff dann beladen, musste natürlich erst der Ballast entladen werden. So entstanden große Halden, beispielsweise der Ballast Hill von North Shields.

Die erste namentliche Erwähnung von Ballast Hill habe ich in einer Karte von 1865 gefunden:

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts begann die 1850 gegründete Tyne Improvement Commission (TIC) mit dem Ausbau der Hafenanlagen, wobei die Ballasthalden oft im Weg waren. Der Ballast Hill in North Shields wurde von der TIC abgetragen, um Platz für neue Eisenbahnanlagen und die Whitehill Point Staiths (Verladestationen für Kohle) zu schaffen. Das abgetragene Material wurde nicht einfach entsorgt, sondern von der TIC häufig zur Landgewinnung genutzt, um neue Kaianlagen und Industrieflächen direkt am Flussufer aufzuschütten.

Im Bodenrelief lässt sich der ehemalige Ballast Hill noch gut erkennen, auch wenn er zu einem beträchtlichen Teil abgetragen wurde:

Heute ist das Gelände dicht bebaut.

Um eine Defensiveinrichtung hat es sich beim Ballast Hill also nicht gehandelt. Was hat es aber dann mit der Kanone auf sich?

Auch die Antwort auf diese Frage liefert die Schiffahrt.

Wir sind es heute gewohnt, unsere Position dank GPS recht einfach und jederzeit bestimmen zu können; jedes Smartphone kann das. In früherer Zeit war die Positionsbestimmung erheblich aufwändiger.

Den Breitengrad bestimmte man ab dem 18. Jahrhundert mit einem Sextanten. Man maß den Winkel (die Höhe) der Sonne am Mittag oder des Polarsterns bei Nacht über dem Horizont und konnte den Breitengrad mit Hilfe nautischer Tabellen ablesen.

Beim Längengrad war die Sache schwieriger. Um zu wissen, wie weit man im Osten oder Westen ist, muss man die aktuelle Ortszeit auf dem Schiff mit der Uhrzeit im Heimathafen vergleichen. Da die Erde sich dreht, entspricht jede Stunde Zeitunterschied genau 15 Längengraden. Das Problem: Normale Pendeluhren waren nicht genau genug und funktionierten auf schwankenden Schiffen bei feuchtem Salzgewölk und extremen Temperaturschwankungen nicht: Sie gingen sofort nach oder blieben stehen. Ohne eine exakte Uhr, die die Heimatzeit fehlerfrei speicherte, waren Seefahrer auf dem offenen Meer praktisch blind und verloren oft die Orientierung.

Abhilfe schafften erst ganggenaue Marinechronometer („Längenuhren“), die auch mit den widrigen Bedingungen an Bord eines Schiffs zurecht kamen. Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts waren alle britischen Schiffe mit solchen Längenuhren ausgestattet.

So genau diese Uhren waren, so hatten sie natürlich nicht die Langzeit-Ganggenauigkeit einer modernen Quartzuhr. Sie mussten also hin und wieder korrekt eingestellt werden. Die offizielle Referenzzeit wurde auf verschiedenen Wegen übermittelt: Vor der Einführung von Zeitzeichensendern Anfang des 20. Jahrhunderts bediente man sich optischer oder akustischer Methoden, die das Überprüfen und ggf. das Neustellen der Schiffschronometer ermöglichten. Die Referenzzeit wurde telegrafisch vom Royal Observatory Edinburgh übermittelt. Sogenannte Zeitbälle – erhöht angebrachte Signalbälle, die zu einer bestimmten Uhrzeit fallen gelassen wurden - gaben ein optisches Signal. Akustische Signale wurden gerne in Form von Kanonenschüssen übermittelt. Jeder Edinburgh-Besucher kennt die One O'Clock Gun auf Edinburgh Castle, die auch heute noch jeden Tag punkt 13 Uhr einen Schuss abgibt:

Und genau diese Funktion hatte die Ballast Hill Gun auch. Sie war vom 18. August 1863 bis zum 31. August 1905 in Betrieb. Es gibt sogar ein Schwarzweißfoto von ihr:

Es handelt sich um eine glattläufige 24-Pfünder Vorderladerkanone, vermutlich Blomefield Pattern. Das Foto ist leider wirklich schlecht; hier zum Vergleich eine Aufnahme einer Blomefield Kanone kleineren Kalibers (Fort George):

Die Position der Ballast Hill Gun habe ich auf einer Karte von 1896 gefunden:

Überträgt man diese Position auf ein modernes Luftbild, erkannt man, dass die Stelle heute überbaut ist:

Die GPS-Koordinaten sind ca. 54.997891, -1.449343.

Auf diesem aus Richtung Osten aufgenommenen Foto verbirgt sich die Bebauung und somit die Position der Kanone hinter dichtem Baumbewuchs:

Neues zur Delaware Hall

Vor zwei Wochen hatte ich Gelegenheit, mir die Delaware Hall in Kyle of Lochalsh vor Ort anzusehen. Wem sie gehört, konnte ich bis dato nicht in Erfahrung bringen. Sollte sich der Eigentümer an den von mir veröffentlichten Fotos stören, möge er sich bitte mit mir in Verbindung setzen; ich werde sie dann selbstverständlich wieder entfernen.

Zunächst ein paar Außenaufnahmen. Hier die Ostseite:

Die Nordseite = Straßenfront:


Die Nordwestecke:

Die Südwestecke:

Die Südseite ist größtenteils durch einen blauen Container und einen Haufen alter Autoreifen verdeckt.

Natürlich habe ich auch versucht, die Schwarzweißfotos der Marinebasis nachzustellen:

Das erwies sich als fast unmöglich, weil die damals freie Sicht auf das Haus an der Railway Terrace heute durch ein Tankstellengebäude versperrt ist:

Lediglich das Foto mit dem Flaggenmast konnte ich einigermaßen rekonstruieren, wenngleich ich den erhöhten Standort, den der Fotograf damals hatte (wohl ein Podest o.ä.) nicht einnehmen konnte:

Im Vergleich sieht das so aus:

Ohne Tankstellengebäude hätte ich vermutlich mit nur leicht verändertem Standort auch das zweite Foto nachstellen können. So musste ich mich mit einem Foto aus dem Tankstellen-Kassenraum heraus und einem von der Zapfsäulengasse aus begnügen, beide viel zu weit weg vom damaligen Standort des Fotografen:

Immer noch unbeantwortet ist die Frage, ob es sich bei der Delaware Hall um das umgebaute Originalgebäude der Amerikanischen Marinebasis aus dem 1. Weltkrieg oder um einen Neubau aus dem 2. Weltkrieg handelt.

Ich hatte gehofft, dass mir ein Blick ins Innere Aufschlüsse geben könnte, aber das tat er nicht:

(Die Aufnahme konnte ich durch ein großes Loch in der Tür der Westseite machen)

Größe und Form der Fenster auf der Südseite (rechts im Foto) könnten mit denen auf dem MacPherson-Foto übereinstimmen, allerdings stimmt die Position der Doppelfenster nicht, und ein Einzelfenster fehlt (roter Pfeil):

Die Fenster auf der Straßenseite sehen völlig anders aus.

Auf weitere Unterschiede hatte ich im ersten Artikel über die Delaware Hall hingewiesen.

Größe und Form der Hütte scheinen dem MacPherson-Foto zu entsprechen. Man könnte geneigt sein zu vermuten, dass die ursprüngliche Hütte im 2. Weltkrieg unter Beibehaltung des Grundgerüsts mit einer neuen Fassade versehen wurde, in der noch verwertbares Material wiederverwendet wurde. So könnten z.B. die Fenster der Südseite erneut eingebaut worden sein, und eins der Einzelfenster könnte in die Westseite versetzt worden sein. Das ist allerdings reine Spekulation, solange keine klärenden zeitgenössischen Dokumente auftauchen.